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Bericht und Fotos der Jahrestagung 2009 PDF Drucken E-Mail

Bericht über die 5.gemeinsame Jahrestagung der DGSMT und ASSM vom 6.-8.11.09 an der Med. Hochschule Hannover

Fast 400 Teilnehmer fanden sich zu der 3-tägigen Veranstaltung unter dem Motto „Love is all you need? Sexualität-Bindung-Krise“ an der MHH ein. Die Räumlichkeiten in den theoretischen Instituten II wurden unerwartet eng, der Vorteil der Abgeschlossenheit des Bereichs und der einladenden Cafeteria-Zone forderte einige Kompromisse ein. So musste eine wechselnde Zahl von Kollegen auf den Nachbarhörsaal mit Videoübertragung ausweichen , in den Pausen enger zusammengerückt werden und in den Räumen der Workshops die Laboratmosphäre kompensiert werden. Der Stimmung während der Tagung und den Rückmeldungen zufolge überwogen jedoch die positiven Aspekte der Allokation.

Die Enttäuschung über die kurzfristige krankheitsbedingte Absage des Festredners Prof. Sigusch mischte sich mit der Sorge um seinen Gesundheitszustand, letztere wurde in einem Gruß der Teilnehmer mit Genesungswünschen zum Ausdruck gebracht.

Der thematische Schwerpunkt lag diesmal auf dem Zusammenhang zwischen Sexualität und Bindung als Antwort auf die zunehmende „Bindungsmüdigkeit „ und deren vielfältigen individuellen und gesellschaftlichen Folgen. Eine Neuerung stellte der Call-for-Abstracts dar, der den jungen Kolleginnen und Kollegen die Chance zur Präsentation ihrer Forschungsergebnisse bot. Erstmals fand auch ein Satellitensymposion in Form eines Lunchsymposions statt, das unter dem Thema „overactive bladder“ einen Überblick über dieses häufige Störungsbild verband mit der Gelegenheit, sich mit einem Imbiss zu stärken.

Der vielseitige und spannende Reigen der hochkarätigen Vorträge vermochte an allen drei Tagen die Zuhörer zu fesseln. Bereits der Freitagnachmittag mit den Schwerpunkten weibliche und männliche Sexualität bot interessante Einblicke in die neueren Entwicklungen des Wissens um somatische und psychische Aspekte von Sexualstörungen und ihre therapeutischen Optionen. Prof .Dr. Bitzer , Leiter der Gynäkologischen Uniklinik Basel, referierte praxisnah zu den weiblichen Appetenzstörungen und ihrer Behandlung. PD Dr. Berner , OA der psychiatrischen Uniklinik Freiburg, stellte die Ergebnisse eigener Untersuchungen vor zu der Frage, was sich Gynäkologen und Patientinnen in sexualmedizinischen Situationen wünschen. Frau PD Dr. Husslein, Leiterin des Beckenbodenzentrums München, erhellte in ihrem anschaulichen Beitrag die Anatomie und (Patho-) Physiologie des Beckenbodens und stellte die entsprechenden therapeutischen Implikationen vor. Prof. Dr. Porst, niedergelassener Androloge und Urologe in Hamburg und Präsident der Europäischen Gesellschaft für Sexualmedizin (ESSM), fasste das aktuelle Wissen über die Ejaculatio praecox zusammen und gab eine Übersicht über die derzeitigen Therapiestandards. Es folgte eine eingängige Zusammenschau der Therapie der erektilen Dysfunktion von PD Dr. Klotz, Leiter der urologischen Klinik Weiden und zuletzt stellte Prof. Dr. Weig, Leiter des psychotherapeutischen Marienhospitals Osnabrück, das von ihm entwickelte Konzept der Salutotherapie zur Prävention sexueller Dysfunktionen des Mannes vor.

Zu der Frage „Wieviel Sex braucht die Liebe- Wieviel Liebe braucht der Sex?“ positionierten sich Prof. Dr. Krüger, OA der Psychiatrischen Klinik der MHH und Mitarbeiter Prof. Hartmanns sowie Prof. Dr. Hartmann, Leiter des Arbeitsbereichs klinische Psychologie der Psychiatrischen Klinik der MHH, in mitreißender Weise. Krüger erlaubte dem Auditorium Einblicke in die aktuelle somatische Forschung und Ausblicke auf die Möglichkeiten der Erhaltung von erotischer Spannung und Liebe in Partnerschaften. Seine Ausführungen zur Spannung zwischen Coolidge-Effekt und Konditionierung, jurassic brain und cultural brain brachten die Neurobiologie der Lust und der Bindung verständlich und unterhaltsam nahe. Seine Empfehlung zur Erhaltung der Lust in der Bindung zielte auf die Kunst der Partner, sich immer wieder Neues zu schaffen. Eine gleichsam gewinnende Gegenposition folgte von Hartmann mit seinem Plädoyer für das Konzept der Beständigkeit, Verbindlichkeit und Intimität als Chance, erfüllte Erotik in Langzeitbeziehungen in einer ganz neuen Dimension zu verwirklichen. Prof. Dr. Hüther, Leiter der Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der psychiatrischen Uniklinik Göttingen, führte mit seinem kurzweiligen und informativen Vortrag in die Welt der Entwicklungsbiologie, Genetik und Neurobiologie. Er bezeichnete die Sexualität als Lösung für das Dilemma der beiden widerstrebenden Lebensprinzipien Erhalt und Veränderung.

Der Samstagvormittag war zunächst den Nachwuchsforschern gewidmet. Die Psychologin Bohnstädt aus Osnabrück stellte ihre Untersuchung zum Thema Sexualität von Paaren mittleren Alters in langen Beziehungen vor. Die Psychologin und Medizinstudentin Simon aus Hannover sprach über ihr Projekt der „W 50 plus Gruppe“, eine Evaluation dieses speziellen Therapiekonzeptes für Frauen zwischen 50 und 65 Jahren ( basierend auf kognitiv-verhaltenstherapeutischen Prinzipien und Techniken der Psychoedukation). Frau Dr. med. Philippsohn, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Dr. Hartmann, referierte die Ergebnisse ihrer Studie zur Befriedigung von Frauen nach dem GV. Die Urologin Dr. med. Brookman-May stellte ihre beiden Studien vor zum Thema „Diskrepanz zwischen der Prävalenz der E.D. und der geringen Anwendung medikamentöser Therapieoptionen“ sowie „Die Detektion von Papillomavirus-DNA i. d. Prostata- Ein Virus mit unterschätzter klinischer Relevanz“.

Der spätere Samstagvormittag wurde eingeleitet von Prof. Dr. Heinrichs aus Zürich. Gegenstand seiner Forschung als Leiter der Abteilung für klinische Psychologie und Psychobiologie der Universität Zürich ist unter anderem die Bedeutung des Oxycotin für Sexualität und Bindungsverhalten. Von der allgemeinen Wirkung des Oxycotin auf das Befinden über die Effekte auf die Sexualität bis zu therapeutischen Implikationen, u.a. bei Autismus, reichte das Spektrum seiner packenden Ausführungen. Prof. Dr. Milch, OA an der psychosomatischen Uniklinik Gießen, erläuterte anschaulich die primären menschlichen Grundbedürfnisse und das Motivationssystem nach Lichtenberg, um dann auf die psychotherapeutischen Aspekte von Sexualität und Bindung einzugehen. Der psychologische Psychotherapeut und Vorsitzende des Lehrinstituts für Psychoanalyse u. Psychotherapie Hannover N.Christoff ergänzte im dritten Beitrag der Vorlesungsreihe „Sexualität und Bindung“ die essentielle Rolle der Bindung in der Sexualtherapie, zum Einen in Form des zentralen therapeutischen Fokus auf dem Bindungsverhalten des Klienten/Patienten, zum Anderen als entscheidendes therapeutisches Agens in Form der Bindung zwischen Klient und Therapeut.

Wer sich ein Lunchpaket schnappte und die Mittagspause im Lunchsymposion zum Thema „Overactive Bladder“ verbrachte, hatte dies auf keinen Fall zu bereuen. Dr. Naumann, leitender OA der uro-gynäkologischen Abteilung der Universitätsfrauenklinik Mainz, und PD Dr. Seif, niedergelassener Urologe in Kiel, brachten dem Auditorium Theorie und Praxis dieser häufigen und quälenden Störung unterhaltsam und gut verständlich nahe. Prof. Dr. Hartmann ergänzte die psychologischen Aspekte der Erkrankung.

Die Workshops am Samstagnachmittag erfreuten sich sehr guten Zuspruchs und die Tatsache, dass teilweise erheblich überzogen wurde, spricht für deren Praxisrelevanz und Qualität. Dank Flexibilität und Toleranz aller Beteiligten konnte das Manko des Laborcharakters der zur Verfügung stehenden Räume die Arbeit nicht wesentlich beeinträchtigen.

Der Gesellschaftsabend im außergewöhnlichen Ambiente des Wilhelm Busch Museums erlaubte neben kulinarischen Genüssen und entspannten Gesprächen die Besichtigung der Exponate, was nicht nur als „Verdauungsspaziergang“ lohnte. Der Abend wurde durch einen aufschlussreichen und humorvollen Vortrag des Museumsdirektors Dr. Neyer zum Thema „Wilhelm Busch und die Frauen“ abgerundet.

Am Sonntagmorgen hatten sich wiederum sehr viele Kollegen bereits zum ersten Vortrag aufgerafft und der große Hörsaal blieb bis zum Ende der Tagung gut besetzt. Zunächst erfrischten die beiden leitenden Oberärzte der psychiatrischen Klinik der MHH PD Dr. Kahl und PD Dr. Hillemacher mit ihren kurzweiligen Vorträgen. Dr. Kahl fasste das aktuelle Wissen über die Pathophysiologie der Depression, u.a. über die Störungen der Sexualität bei Depressiven, und die neueren Behandlungsoptionen zusammen. Hillemacher gab einen Überblick über die Wirkungen von Alkoholmissbrauch auf die Sexualität. Kahl entschloss sich spontan, zusätzlich die Theorie des selfish brain vorzustellen, als Ausgleich für den krankheitsbedingten Ausfall von PD. Dr. Kühn aus Bonn. Prof. Dr. Strauß, Leiter des Institutes für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie der Universität Jena, referierte in lebendiger und praxisbezogener Weise die Bindungstheorien und deren Einfluss auf/Umsetzung in der Psychotherapie und Sexualtherapie. Den Abschluss der Sonntagsvorträge bildete Prof. Dr. Spengler, ehem. Ärztlicher Leiter des NLKH Wunstorf, mit seiner eindrücklichen Darstellung der aktuellen Sado-Masochistenszene, nachdem er zunächst die historische Entwicklung anhand von Fakten und Bildern aufzeigte.

Die Evaluation dieser 5.Jahrestagung spiegelte den atmosphärischen Eindruck während des Kongresses wieder. Die Vielseitigkeit und Qualität der wissenschaftlichen Beiträge wurde gelobt. Noch mehr praxisrelevante Programmpunkte wurden erbeten für die kommende Veranstaltung. Seitens der DGSMT wird erwogen, neben dem nächsten wissenschaftlichen Kongress eine rein praxisorientierte Veranstaltung im Sinne einer Werkstatttagung anzubieten.

Nicht zuletzt spricht die Entwicklung der Teilnehmerzahlen für sich: Die erste Jahrestagung 2005 zählte knapp hundert Teilnehmer, auf der fünften Jahrestagung hatte sich die Zahl fast vervierfacht. Die sechste Jahrestagung lässt viel Neues erwarten, da es der erste gemeinsame sexualmedizinische Kongress der DGSMT mit der Akademie für Sexualmedizin werden wird.

Claudia Hartmann

 

 

Fotos:

Tag 1

Tag 2

Tag 2: Workshops

Tag 2: Gesellschaftsabend

Tag 3

Promotion

Copyright DGSMT; Fotos: Jürgen Wahnschaffe

 
Fotos der Jahrestagung 2009
09195 Uwe Hartmann_s 09633 Theodor Klotz_s 09925_s 09870 WS Wolfgang Kaemmerer_s 09922_s 10105 Bernhard Strauss_s 09913_s 09888 WS Claudia Hartmann_s 09518 Elontril 09873 WS Dietmar Richter_s
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